Am 14. Januar 2020 passierts: Severin Blindenbacher prallt im Spiel gegen Langnau nach einem Check von Nolan Diem in die Bande und erleidet seine siebte Gehirnerschütterung. Seither ist er zum Zuschauen verdammt. In den Playoffs verfolgt er die Spiele seines ZSC gespannt von der Tribüne aus. «Ich geniesse es, meiner Mannschaft zuzuschauen», sagt Severin Blindenbacher. Klar, würde er lieber auf dem Eis stehen. Doch seine Gesundheit lässt es nicht zu. Auch über ein Jahr später kämpft er mit den Folgen des Schädel-Hirn-Traumas. «Ich habe immer noch Probleme. Das Licht bereitet mir Mühe und ich habe zudem Konzentrationsschwierigkeiten.» Schmerzen habe er aber zum Glück keine mehr.
Im letzten Sommer hat sich Blindenbacher noch auf die neue Saison vorbereitet. Er muss aber schnell einsehen, dass eine Rückkehr aufs Eis nicht möglich ist. Die ZSC Lions starten in ihre Saison. Und «Blindi»? Er bleibt dem Team fern. «Ich habe mich vom Mannschaftsleben zurückgezogen. Es macht einfach keinen Sinn.» Das sei für ihn aber kein Problem, denn er schütze sich dadurch selbst.

Eindrücklicher Palmarès

Blindenbachers Vertrag ist nun bei den ZSC Lions ausgelaufen. Der 38-jährige Verteidiger kann auf eine erfolgreiche Karriere zurückschauen: Er wird mit den ZSC Lions drei Mal Schweizer Meister, holt sich im Jahr 2009 den Champions-League-Titel, feiert einen Cup-Titel und gewinnt 2013 mit der Nati die Silbermedaille. «Wir sind schon sehr privilegiert, was wir als Eishockeyspieler erleben dürfen», schaut Blindenbacher zurück. Folgt nun das Karriereende? «Ich weiss noch nicht, wie es weitergehen wird. Mein oberstes Ziel ist es, zuerst richtig gesund zu werden und danach werde ich mich entscheiden.»

Karriere nach der Karriere

Zurzeit absolviert er ein Trainee bei der «Zurich» Versicherung. «Ich bin im Human Resources tätig und absolviere zusätzlich den Lehrgang zum HR-Fachmann. Es gefällt mir gut», so Blindenbacher, der sich in den letzten Jahren viele Gedanken über seine Zukunft gemacht hat. «Ich möchte irgendwann ready für die Karriere nach der Karriere sein.» Ausserdem engagiert er sich für das neugegründete Startup «Athlete’s Network», ein Netzwerk für Sportlerinnen und Sportler, wie er im Interview erzählt.

Severin Blindenbacher, worum geht es bei Athlete’s Network. Was ist der Sinn und Zweck dieser Organisation?

Wir wollen dem Sportler die Wirtschaft näherbringen und der Wirtschaft den Sportler. Wir möchten den Athleten darauf aufmerksam machen, sich Gedanken um die Karriere nach der Karriere zu machen. Wir wollen zeigen, dass die Sportler auch ohne Arbeitserfahrung gewisse Attribute mitbringen, die in der Wirtschaft gefragt sind. Das Ziel ist, ein «ready-to-Business»-Lehrgang anzubieten, in dem wir den Athleten fit für die Berufswelt machen.

Du gehörst zu den Mitgründern. Wie und warum bist du ein Teil davon geworden?

Der Sportler ist eigentlich so lange gefragt, bis man ihn nicht mehr gebrauchen kann. Es tönt hart, aber danach ist man weder für den Agenten noch für den Klub interessant. Oft fühlen sich die Athleten alleine, wenn es um die Fragen nach der Karriere geht. Der Übergang ins normale Berufsleben ist nicht einfach. Darüber habe ich im Berufsinformationszentrum Oerlikon ein Referat gehalten. Im Publikum ist Ex-Fussballer Beni Huggel gesessen. Wir kamen anschliessend ins Gespräch. Wir waren der Meinung, dass es ein sportartenübergreifendes Projekt geben sollte, das den Sportlern den Übergang ins Berufsleben erleichtern sollte. Mit Dave Heiniger und Niels Hintermann stiessen anschliessend zwei weitere dazu. Das Team besteht aus acht aktiven und ehemaligen Sportlern.

Welchen Tipp würdest du einem jüngeren Profi geben?

Man sollte sich keinesfalls blenden lassen. Der Sport ist sehr intensiv und gibt einem viel. Junge Profis dürfen sich glücklich schätzen, den Job als Eishockeyaner auszuüben. Aber in der anderen Welt interessiert es niemanden, dass man 20 Jahre Hockey gespielt hat. Wenn man dort nicht auf dem neusten Stand bleibt, hinkt man extrem hinterher. Man muss unbedingt ajour bleiben. Es lohnt sich deshalb, auch als Hockeyprofi einen halben Tag in der Woche im Büro zu verbringen. Es gibt keine Ausreden, nicht jeden Tag hart zu arbeiten.

Partnerschaft

Die ZSC Lions unterstützen die Idee und die Philosophie von «Athlete’s Network». Der Klub bekennt sich als Arbeitgeber und bemüht sich, Spieler auch nach der Karriere zu unterstützen. Wenn ein Spieler eine Frage hat, verlinkt der ZSC den Spieler mit Athlete’s Network.

www.athletes-network.com

Text: Martina Baltisberger